Lina vom 12.11.2009 16:50
Spot #10
»Hip Hop im Netz: Denn das Internet wurde zu ihren Spielplätzen und Hinterhöfen«

Was wären wir nur ohne das Internet? Viel haben wir ihm zu verdanken. Vielleicht sogar zu viel. Welche Bedeutung hat das Internet in unserem Leben? Und wie sehr beeinflusst es uns – und vor allem: unsere Kultur?

Unsere Welt ist klein. Durch den Fortschritt der Technik rücken wir ständig etwas mehr zusammen. Alles ist mittlerweile mit den zahlreichen Verkehrsmitteln binnen einiger Stunden erreichbar. Kommunikation ist so gut wie überall möglich, man kann die Austauschfamilie in Vancouver genauso wie den Onkel in Südafrika anrufen. Und dann gibt es da ja noch die sogenannten „sozialen Netzwerke“. Diese haben insbesondere in den letzten Jahren dazu beigetragen, die Erreichbarkeit anderer Menschen auf der ganzen Welt zu vereinfachen. Sie „vernetzen“ Menschen unterschiedlicher Rasse, Religion, Weltansicht, Herkunft, Geschlecht, sozialem Stand etc. miteinander und setzen so der Kommunikation keine Grenzen mehr.

Früher war alles anders. Das heißt nicht, dass es zwangsläufig besser war. Es war anders. Kommunikation fand nicht über StudiVZ und Facebook statt und auch an ein Rapspot war noch lange nicht zu denken. Nein, die Menschen trafen sich auf der Straße, in Lokalen, an verschiedenen Orten in der Stadt und auf dem Lande, überall auf der ganzen Welt. Und so tauschte man sich aus; über neue Erkenntnisse der Wissenschaft, über Klatsch und Tratsch und auch Waren wurden verkauft und getauscht. Wer etwas konnte, zeigte es seinem Gegenüber live. Heute geht der Trend woanders hin. Das Internet ist das primäre Kommunikationsmedium, ein „Austauschmedium“ – es informiert die User über alles Wissenswerte. Mund-zu-Mund-Weitergabe erfolgt heute über Foren und Blogs. Durch zahlreiche Shops und Online-Auktionshäuser wie eBay, wird der Bummel in die Fußgängerzone oder auf den Markt überflüssig. Auch wer Talent hat findet über Myspace und Youtube Aufmerksamkeit und muss nicht mehr zwangsläufig von Ort zu Ort reisen, um sich einen Namen zu machen. Und die „Große Liebe“ findet man bei Flirtcommunitys und Ähnlichem mit einem simplen Mausklick. Unsere Welt ist in vielerlei Hinsicht einfacher geworden, bequemer und hat technischen Fortschritt zu einem individuellen Erlebnis wachsen lassen.

Dieser Fortschritt hat unser Leben auf nahezu allen Ebenen verändert und mit ihm die verschiedenen Kulturen, der die Menschen angehören. Dazu gehören selbstverständlich auch Jugendkulturen – und Hip Hop. Wie alle wissen entstand das Phänomen Hip Hop auf den Straßen New Yorks – die Betonung liegt hierbei auf dem Wort „Straßen“. Die Künstler bekamen ihre Anerkennung auf Jams oder Block Partys, es wurde gesprayed, gebreaked, gerappt und irgendwo in der Mitte der Geschehnisse gab es auch noch den DJ. In den vergangenen Jahren ist Hip Hop immer mehr gewachsen, was dazu geführt hat, dass sich auch die einzelnen Elemente voneinander entfernt haben. Um die Last der explosionsartig expandierenden Hip Hop Kultur tragen zu können, mussten ihre Eckfeiler einfach weiter auseinandergestellt werden. Diese Tatsache finde ich sehr schade, auch wenn ich die Vielfalt, insbesondere der Rapmusik, natürlich in vielerlei Hinsicht gut heiße. Dennoch hat dies zu einem Befremden der Hip Hop Heads untereinander geführt und zu der Frage, was denn überhaupt noch in diesen Flickenteppich Hip Hop hineingenäht werden darf, und was nicht. Doch darum soll es nun nicht gehen.

Maßgeblich zur weltweiten Verbreitung des Hip Hops hat selbstverständlich, vor allem in den letzten Jahren, das Internet beigetragen. Kontakte wurden geknüpft, Musik verbreitet und Künstler durch dieses Medium berühmt. Zuvor waren dafür lediglich die wenigen Printmagazine a la Juice und Backspin verantwortlich, sonst tauschte man sich eben beim Plattendealer seines Vertrauens, auf Konzerten und Festivals mit Gleichgesinnten aus. Durch das Internet und durch Soziale Netzwerke wird dies nun überflüssig – besonders der Bereich Print bekommt dies zu spüren, so dass das Hip Hop Magazin Backspin seine letzte Ausgabe gar nicht erst druckte. Der so oft prophezeite Untergang der Printmedien aufgrund der verstärkten Online-Angebote ist also auch in der Hip Hop Szene angekommen. Der Verlust zahlreicher Arbeitsplätze und die Schwächung der Wirtschaft durch dieses Phänomen mag dem Nutzer kostenloser Internet-News nicht bewusst sein.
Doch neben dem Printsektor scheint auch der Face-to-Face Austausch untereinander in gewisser Weise überflüssig geworden zu sein. Durch die Online-Medien, Foren und Blogs ist jeder „User“ automatisch up 2 date - was soll man da also noch groß besprechen, weitergeben und diskutieren wenn man sich auf den Hip Hop Gelagen der Neuzeit trifft? Und obwohl man durch das Internet Kontakt zu allem und jedem aufnehmen kann, scheint unsere Welt anonym geworden zu sein. Statt echten Kontakten kennt man nur noch virtuelle Profile, Breakdance und Graffiti kennen viele nur noch durch Videos auf Youtube oder Fotos auf Portfolios. Manchmal sehne ich mich so nach der alten Zeit zurück, denn trotz der Vielfalt und den zahlreichen Möglichkeiten die das Internet ermöglichte, hat es das Herz der Hip Hop Kultur in gewisser Weise entfremdet, die Szene ist fast schon unnahbar und nicht mehr zum anfassen, so wie früher. So gab es selbst auf dem Splash! teilweise weniger Zuschauer bei den Bboy-Challenges als Gäste im StudiVZ Bus.

Es wäre falsch zu behaupten, die starke Entwicklung der Online-Welt wäre schlecht. Dennoch wünsche ich mir manchmal ein bisschen mehr Nähe, wünsche mir, dass Hip Hop wieder mehr eine Kultur zum Anfassen wird, ein bisschen mehr auf der Straße, der Realität, stattfindet als nur Online. Was dies anbelangt, müssen wir uns nach einem Mittelweg umsehen. Genauso wie die Online-Medien und Sozialen Netzwerke zur Verbreitung von Mentalität und Kunst wichtig sind, ist die „reale Welt“ notwendig, um die Kultur an sich am Leben zu halten, um Gemeinschaft und soziale Werte zu fördern – und um Hip Hop auch wirklich geschehen zu lassen, anstatt es nur zu sehen und davon zu lesen.

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