Reflection Eternal
»Revolutions Per Minute«


Unsere Wertung:


 Tobias am 17.05.2010 18:18
 Sage anderen deine Meinung...

Betritt man die Electric Lady Studios in New York dann spürt und erhascht sofort der Mief der Vergangenheit. Etliche Musikgrößen nahmen wahre Klassiker in dem von Jimi Hendrix erbauten Studio auf, das mittlerweile dem Branchenprimus Warner Brothers gehört. Auch große Rap-Alben haben hier ihren Ursprung: So rappte Nas zum Beispiel Verses für sein letztes Album „Untiteld“ hier ein, Erykah Badu sang für ihr viertes Album „New Amerykah Part One“ und die Roots haben die quasi-Dauerkarte für die legendären Gemäuer, unweit entfernt vom Broadway, schon längst gelöst. Auch das erste Reflection Eternal Album „Train of Thought“ wurde hier aufgenommen, keine Überaschung also dass man die legendären Electric Lady Studios erneut als Basis für die Arbeit an dem Sequel Revolutions Per Minute auserkohren hatte – 10 Jahre nach dem vermeintlichen Status Quo. Bereits 4 Singleauskopplungen („Back Again“, „In This World“ „Straingers“ & „Midnight Hour“), eine schöner als die andere, gab’s vorab zu bestaunen. Endgültig erscheint es hierzulande am 22.05.2010 – RapSpot.de nimmt das heiß ersehnte Album schon vor der Veröffentlichung unter die Lupe. Besondere Alben allerdings erfordern eine besondere Bewertung und so gibt’s die Review diesmal in Form einer Gesprächsaufzeichnung zwischen 2 Redakteuren unseres Magazines – Track by Track ...

Intro „RPM’s“:
Tobias: Das Intro hat für mich so einen richtigen „Aha“-Effekt. Ich bin beim Namen „Revolutions per Minute“ gar nicht unbedingt auf RPM – also Drehgeschwindigkeit – gekommen.
Lina: Ich weiß gar nicht ob man dazu unbedingt so viel sagen kann. Aber um ehrlich zu sein, komme ich mir gerade etwas vor wie bei Home Shopping Europe – das hat so einen Werbecharakter. „Make sure you download…“ usw.
Tobias: Mal schauen ob es wirklich eine „New dimension“ wird…

City Playgrounds:
Tobias: Der Beat läuft vorneweg viel zu lange brach – es dauert 25 Sekunden bis ich Kwelis Stimme das erste Mal höre – so interessant ist der Beat dann auch nicht.
Lina: Als Einstieg ist das nicht sehr glücklich gewählt. Bei „Train of thought“ war mit „Move Somethin“ gleich eine richtige „Baamn“-Nummer gewählt – das hier ist so schleppend, auch wenn der Track natürlich trotzdem vor allem durch die Lyrics überzeugt.
Tobias: Ja, ein guter Track, aber eher für das Ende des Albums.

Back again:
Tobias: “Back again” wäre für meinen Geschmack ja der ideale Einstieg gewesen. Der Track ist viel schneller und einprägsamer. Talib zeigt mal wieder, dass er nicht nur deepe Texte drauf hat, sondern auch rappen kann.
Lina: Das Lied verleitet zwar definitiv zum mitwippen, aber ich muss ehrlich sagen, dass ich es fast schon langweilig finde, seit ich es bei einem Idle Warship Konzert live erleben durfte. Im Gegensatz zur Live-Version ist die Studionversion irgendwie enttäuschend.
Tobias: Durch Res in der Hook ist der Track zum Livespielen auch wie gemacht. Reflection Eternal sind „Back again“, und darauf kommt es an!

Strangers:
Lina: Ich muss ehrlich sagen, dass mich Bun B als Feature etwas überrascht hat. Wobei es ja eigentlich kein Wunder war, nach dem UGK-Feature auf dem letzten Kweli-Album.
Tobias: Bun B passt auf den Beat wie die Faust aufs Auge. Auch wenn dieser etwas Hi-Tek-untypisch klingt.
Lina: Stimmt, der Beat klingt ungewöhnlich dramatisch.
Tobias: Auf dem Punkt scheint das Album richtig Fahrt aufzunehmen. Man könnte auch beinahe behaupten, Bun B würde Kweli etwas in den Schatten stellen.
Lina: Ich finde, man kann die beiden nicht wirklich miteinander vergleichen. Das macht auch den Reiz des Tracks aus. Aber: Ich finde den Track zu kurz! Ich hätte den beiden noch acht Minuten zuhören können…
Tobias: Nicht unbedingt, eigentlich ist es eine Runde Sache. Für noch einen Verse hätte es einen weiteren Featurepartner gebraucht.
Lina: Man könnte sich jetzt mal weit aus dem Fenster lehnen und spekulieren, dass die dritte Strophe als Hommage an Pimp C freigelassen wurde – unter dem Motto „Hier sollte Pimp C rappen“. Dann wäre der Aufbau genauso wie bei „Country Cousins“ vom „Eardrum“-Album.
Tobias: Ich würde da nicht zwangsläufig etwas reininterpretieren. Der Song kann die Länge durchaus verantworten und vielleicht ist es auch gut, dass er an diesem Punkt vorbei ist.

In this world:
Lina: Da brauche ich erstmal eine Eingewöhnungsphase. Das Instrumental klingt am Anfang etwas sehr wirr. Nach einiger Zeit wird es aber richtig gut und auch ein wenig dramatisch.
Tobias: Ja, der Song ist ziemlich schwer, aber das Sample ist einfach grandios eingesetzt. In der Hook müsste das Kimberly Biggs sein, wenn mich nicht alles täuscht. Und das zweite prägnante Sample ist natürlich das Jay-Z Sample: “If skills sold, truth be told/I’d probably be, lyrically Talib Kweli” Darauf scheint er so stolz zu sein, dass es ihm ein Sample wert ist.
Lina: Auf jeden Fall ist das ein anspruchsvoller Track, nicht für alle Tage, aber sehr gut durchdacht.
Tobias: Ich hatte echt Angst dass Hi Tek das Album nach unten zieht, da er in den letzten Monaten echt beschissene Beats gemacht hat, wie ich finde. Aber mit „In this world“, „Strangers“ und einigen anderen Tracks hat er das Gegenteil bewiesen – der hat die guten Beats für das Reflection Eternal Ding gebunkert!
Lina: Aber auch Leuten, die behauptet haben, Kweli hätte an Qualität nachgelassen, wird hier das Gegenteil bewiesen denke ich.

Got work:
Lina: „Got work“ kommt mir bisher fast am schwächsten vor, vor allem textlich.
Tobias: Auf mich wirkt es auch wie ein Lückenfüller. Obwohl Kweli in einem Interview ja mal sagte, der Track würde das gesamte Album am Besten beschreiben und er hätte ihn zuerst gepickt – vielleicht aber auch nur eine Rechtfertigung für einen eher mittelmäßigen Song.
Lina: Als Übergang zwischen dem dramatisch „In this world“ und dem fröhlichen „Midnight hour“ ist es ganz gut platziert – mehr aber auch nicht.

Midnight Hour:
Tobias: Das ist mittlerweile ja mein heimlicher Favorit! Der Song hat so was wie einen 60er-70er Jahre Motown Flair und Estelle passt perfekt da rein, eine richtig kleine Diva, sehr stilvoll und im Kontext authentisch. Das wirkt sich auf den ganzen Song und auch das dazugehörige Video aus – eine Hommage an die Vergangenheit!
Lina: Mit diesem Track zeigen sich Hi Tek und Kweli extrem experimentierfreudig. So wird ermöglicht, dass für jeden Hörer auf dem Album etwas dabei ist. Ich finde Estelles Wandel sehr bemerkenswert: Früher war sie als Rapperin ja primär in England bekannt. Mit ihrem eigenen Gesangsstil hat sie es weltweit zu Erfolg gebracht.
Tobias: Etwas störend kommen nur die Spracheinlagen am Ende. Ich weiß nicht wirklich was das soll.

Lifting off:
Lina:“Lifting Off“ ist wieder so ein Ruhepol.
Tobias: Aber besser als „Got work“ finde ich.
Lina: Abgesehen von dem Text finde ich es aber relativ langweilig, um ehrlich zu sein. Das ist aber vielleicht auch notwendig nach einem Track wie „Midnight hour“.

In the Red:
Tobias: Wieder ein Beat, den man Hi Tek nicht zugetraut hätte!
Lina: Mich erinnert das Ganze irgendwie an „On & On“ von Missy Elliott. Sehr experimentell.
Tobias: Es ist auch wieder ein sehr kurzer Song. Der erste Verse beginnt erst nach 40 Sekunden und auch hinten raus ist viel Leerlauf.
Lina: Das ist eben mehr Hi Teks Spielwiese. Ich find den Track fast schon zu abstrakt, irgendwie passt er nicht ins Album.

Ballad of the Black Gold:
Tobias: Das „Black Gold Intro“ hätte man sich sparen können.
Lina: Aber „Ballad of the black gold“ ist definitiv wieder ein Highlight – das merkt man von der ersten Sekunde an! Es ist auch der Kweli-typischste Track bisher.
Tobias: Das wird auch die nächste Single – eine sehr gute Wahl! Inhaltlich geht es bei dem Song um Erdöl in Afrika und die damit verbundene Ausbeutung. Die Idee dazu kam Kweli beim Videodreh zu „Hostile Gospel Pt. 1“. Durch die im Song zum Ausdruck kommende Ironie in Verbindung mit diesem ernsten Thema entsteht einfach ein richtig hochwertiger Song. Der Beat ist auch gut und stellt sich nicht unnötig in den Vordergrund.
Lina: Es ist definitiv kein typisches Rapthema – find ich aber gut, zu viele Rapper widmen sich ausschließlich Copy + Paste Thematiken. Einfach eine verdammt runde Sache!

Just Begun:
Lina: Von „Just Begun“ bin ich ähnlich begeistert. Mos Def stellt meiner Meinung nach da alle in den Schatten. Für mich ist das eine typische Reflection Eternal Nummer, wie man sie erwartet.
Tobias: Hier stellt sich der Beat zwangsläufig in den Vordergrund – ein Hammerding und auch sehr gute Verse. Allerdings springt der Song etwas aus dem Gesamtkontext.
Lina: Stimmt, er passt stilistisch eher zu „In the red“.
Tobias: Das Feeling ist einfach anders, deswegen war es auch nicht sicher, ob „Back again“ und „Just Begun“ überhaupt aufs Album kommen. Ich finds zwar gut dass sie dabei sind, aber so wirkt es halt nicht mehr so, als wär das Album aus einem Guss – muss es aber auch nicht. Auf jeden Fall macht der Track Appetit auf Neues von Jay Electronica – unglaublich interessanter Künstler.

Long Hot Summer:
Tobias: Irgendwie ist das gar nicht so sommerlich, wie der Titel vermuten lässt – und auch wieder verdammt kurz. Vielleicht ist das aber auch so gewollt – schließlich heißt das Album „Revolution per Minute“, und nicht per Hour. Bei diesem Track ist die Sprechzeit bestimmt unter einer Minute.
Lina: Das Gesamtpaket finde ich komisch. Der Beat ist cool, Kwelis Part ist auch cool, aber wirklich reingehen wills nicht. Ich werde auch nach mehrmaligem Hören mit dem Track nicht warm.

Get Loose:
Tobias: Den Track find ich schon wieder gut. Da ist noch mal so ein leichter Retro-Flair, ähnlich wie bei „Midnight Hour“, und Chester French passt auch dazu. Vielleicht der beste Song im letzten Drittel, welches damit ja angebrochen ist.
Lina: Sehr untypisch für Kweli, aber interessant.

So good:
Tobias: Mit dem Trackwechsel hast du aber wieder einen echt krassen Stilwechsel. „So Good“ ist komplett anders. Ganz kurz hat mich der Beat an "Stumpf is Trumpf 3.0" von Dendemann erinnert - ich weiß auch nicht warum. Ich find den Song jetzt nicht direkt schlecht aber es ist wie bei vielen davor einfach schwer, ihn direkt von Anfang an zu feiern, nach ein paar mal hören ist das vielleicht schon wieder alles anders. Am Ende wirds aber mal wieder echt interessant: Hi-Tek rappt. Hört man nicht so oft, aber er hat schon was 'drauf. Natürlich kein großer Lyriker und eher ein Virtuose an der MPC, aber ... passt. Kann man so lassen.
Lina: Will mir irgendwie gar nicht gefallen. Da find ich keinen Zugang.

Ends:
Lina: Ich freu mich, dass Bilal wieder mit dabei ist. Der Song ist ziemlich auf Kweli zugeschnitten, obwohl ich den Beat nicht so mag.
Tobias: Ja, hört sich alles sehr nach einem Kweli-Solosong an. Der Titel ist echt seeehr einfallsreich, da es ja aufs Ende zugeht. Aber alles in allem, ganz okay.

My Life (Outro):
Tobias: Ich mag den Beat – wirkt auf mich wie eine Rückblende. Aber wie schon so oft vergeht eine Ewigkeit bis der Verse beginnt und auch am Ende hast du eine lange Auslaufzeit.
Lina: Naja, es heißt eben „Talib Kweli und Hi Tek“, so ein Produzent möchte auch seine Glanzleistung haben. Als Abschluss finde ich es okay, der Beat ist sehr chillig, wirkt irgendwie positiv. Alles in allem keine Glanzleistung, aber ein nettes Ende, wenn der Track auch etwas ersetzbar wirkt.
Tobias: Es gibt sicher schönere Schlusstracks. Aber okay ist es.

Fazit
Lina: Ich weiß gar nicht was ich sagen soll! Normalerweise rechne ich bei Fortsetzungen von legendären Alben und Projekten immer mit einem Desaster. Das ist hier komplett ausgeblieben. „Revolutions per Minute“ überzeugt mit Innovation und Vielseitigkeit, aber auch mit alten Werten – großartigen Lyrics, Beats und Messages. Die Schwachpunkte des Longplayers werden durch großartige Highlights quasi ausgeglichen. Ich bin mir sicher, dass dieses Album noch lange Zeit in den Playlisten der Hip Hop Heads bleiben wird, wenn es nicht sogar Potential zum Klassiker hat, genau wie sein Vorgänger.

Tobias: Es ist enorm schwer „Revolutions Per Minute“ als Ganzes zu bewerten weil es in meinen Augen einfach zu keinem Zeitpunkt ein „einfaches“ Ganzes ist. Es ist sehr schwer Verbindungen zwischen den einzelnen Songs herzustellen da die stilistische Schere teils sehr weit auseinander geht – zum einen hat man völlig moderne, plastische Beats und zum anderen warme Samples in 2010er Variante verarbeitet. Die einen nennen’s vielseitig, andere vielleicht „zusammengewürfelt“ – der Hörer entscheidet! Dabei hat das Album aber genau eine Konstante: Talib Kweli überzeugt immer. Da gibt’s keine zwei Meinungen. Weitere Kritikpunkte sind für manche Zuhörer vielleicht die relativ willkürliche Trackanordnung, in der sich schlussendlich vielleicht (?) zu viele Lückenfüller und kein echter geschichtsträchtiger Song befindet ... wobei das „geschichtsträchtig“ wohl erst in gut 5 Jahren bewertet werden kann.

Ist man in der Lage, das alles auszublenden, ist „Revolutions Per Minute“ Reflection Eternal wie es 2010 klingen sollte. Man besinnt sich nicht übermässig peinlich auf „alte Werte“ oder versucht das vorhergegangene Album zu kopieren, sondern verpackt die Grundintention des Duo’s zeitgemäß und aufpoliert. So verbietet sich der Vergleich mit „Train of Thought“ erfrischenderweise jederzeit. Stellenweise richtig Gehaltvoll und zugleich hoch musikalisch.


 Jeden Tag frisch
Aktuellste News
#01579 Bombattack. macht sein...
#01577 Herr von Grau. WG-Tour
#01576 Bone Thugs-N-Harmony. vor dem Au...
#01575 D-Flame. mit Pläne...
 Noch nicht genug?
Mehr Reviews
#0205 Chingy - Success & ...
#0204 Tefla & Jaleel - Weißt du ...
#0203 B-Doub - Food For T...
#0202 Hammer & Zirkel - Wir sind F...
 In Talk
Neuste Interviews
#0150 Nosliw
#0149 Samson Jones
#0148 Marteria
#0147 Herr von Grau