Jan vom 14.03.2010 13:12
Stieber Twins
»Früher war anders, nicht besser«

Startschuss für die Nostalgie Woche auf RapSpot.de und wir beginnen direkt mit dem vielleicht nostalgischstem Duo Rapdeutschlands: Den Stieber Twins. Lange bevor in Berlin, Hamburg oder Frankfurt jemand Reime schrieb veröffentlichten die beiden Heidelberger Brüder bereits über Mzee-Records ihre ersten Platten – passend zur Zeit natürlich vorrangig auf Vinyl. Wir sprachen mit Martin Stieber aka. Martin Jekyll, in seinem HipHop- und Graffiti-Store in Heidelberg, über die Anfänge von den „Stieber Twins“, den Klassiker „Fenster zum Hof“ und wie er Rap heute gegenüber steht. Außerdem erfahren wir welche Künstler die Musik von den Stiebers beeinflusst haben und vieles mehr – der perfekte Einstieg in die Nostalgie-Woche.

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Ich habe gelesen, dass du mit deinem Bruder einige Male in NY warst. Einmal sogar zu der Zeit, in der gerade "Illmatic" veröffentlicht wurde. Wie würdest du diese Zeit, besonders die Stimmung in der Geburtsstadt des Hip Hop, beschreiben?

Woher weißte denn das? (lächelt) Ja, das stimmt. Also ich sag mal in New York war '94 die gleiche Stimmung, die wir '98 hatten. Wir hatten hier immer fünf bis zehn Jahre auf New York, fünf Jahre zu den Franzosen. Aber zu der Zeit: Das war halt wirklich eine Aufbruchsstimmung. Da kam Illmatic raus, die hab ich Crazy Legs von der Rock Steady Crew gehört, der hatte uns eingeladen, ich war mit Swift von Battle Squad, das ist so ne Breakdance-Foundation gewesen, die supercool war. Also wirklich ganz ganz große Tänzer. Die haben uns jedenfalls mitgenommen und wir waren ganz ehrfürchtig, der Ty kuckt oben aus dem Fenster und sagt „Oh, the european invasion!“, dann sind wir zu dem hoch und er hat uns seine ganzen Gadgets gezeigt von früher, was es da alles gab. Sogar seine Heidelbergfotos! Der war '83 in Heidelberg, als wir noch keinen Plan hatten, was da läuft. Und in einer Boombox lief die ganze Zeit die Illmatic, auf Demo, als Platte war die noch gar nicht veröffentlicht. Und wie gesagt, wir haben gleich gemerkt "Ey was is denn das für ein fettes, geiles, verrücktes Album!? Das gibt’s ja garned!". Auf jeden Fall war '94 auch so die Zeit, in der der Meilenstein gelegt wurde im modernen Rap. Und das war halt wirklich "Illmatic", damit ging's im Amiland los, das kann man vergleichen mit "Blauer Samt" von Torch oder auch unsere Platte, das war einfach irgendwie was anderes. Da wurde unheimlich auf die Texte Wert gelegt. Das war Grandmaster Flash & The Furious Five mit The Message begonnen haben, hat Nas in den 90er-Jahre-Kontext gebracht. Das war echt stark… Die Zeit in New York war halt… Wie soll ich sagen? Da sind wir noch 30, 40 Jahre alten Turnschuhen in irgendwelchen alten Läden nachgehechtet. Da war klar, dass überall gemalt wurde, da war klar, dass die Maler zu den Breakern gehören und die Breaker zu den Malern, das war einfach ne geile Sache!

Wie kam es eigentlich dazu, dass du den Laden aufgemacht hast?

Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Der Rüdiger Glatz, das ist ein guter Freund von mir, den kenn ich seit Anfang der 90er kenne. Der ist so die dritte Generation im Graffiti, wir sind so die zweite. Auf jeden Fall hat der schon ganz früh angefangen mit Dosen zu hantieren und die zu verticken bzw. aufzutreiben. Später hat er dann angefangen, das in großem Stil zu betreiben, als Firmenidee, Spraydosen zu produzieren und zu verkaufen für den Graffitimarkt. Und der hatte mir gesagt, er wolle auf jeden Fall einen Laden in Heidelberg haben, ob wir nicht Lust hätten, einen Laden mit ihm zu machen, wo er die Dosen anbieten kann, weil er keine Lust mehr hatte, die Dosen mehr oder weniger aus dem Lager zu verkaufen, verstehst du was ich meine? Und ich hatte mir das schon lange überlegt, mit meinem Bruder einen Laden zu machen, auch damals schon. Und der kam dann halt '97, '98 zu uns, fragte, ob wir uns das vorstellen können, dann haben wir das relativ schnell hochgezogen, das Ding "Flame" genannt und seit der Zeit betreiben wir den Laden.

Siehst du dich persönlich als Raprenter? Oder kannst du dir vorstellen mal wieder ein Album oder Mixtape zu machen?

Also Raprenter würde ja heißen ich krieg eine Rente! Die krieg ich leider von Hip Hop nicht. Ich mein, ich nehme ja die ganze Zeit noch was auf, in eigener Sache, aber mein Bruder ist Architekt, hat eine Familie zu ernähren, und daher ist ein Album schwierig. Ein Album ist nicht einfach hinsetzen, Texte schreiben, aufnehmen. Irgendwann muss mann es machen, irgendwann ist gut mit dem Warten! Aber wir waren in einer schlechten Ausgangslage, weil die Leute immer meinten, unser Album wäre das Non-Plus-Ultra. Dadurch war es für uns schwierig, ein neues Album zu machen, weil die Erwartungshaltung einfach eine so große war oder ist. Aber es wird Zeit, ich steh ja auch nicht mit leeren Händen da, ich hab eine ganze Festplatte mit Zeug und solange ich da bin, jeden morgen meinen Laden aufschließe werde ich kucken, dass irgendwann mal wieder was Stieber Twins-mäßiges rauskommt.