Jan vom 14.03.2010 13:12
Stieber Twins
»Früher war anders, nicht besser«

Startschuss für die Nostalgie Woche auf RapSpot.de und wir beginnen direkt mit dem vielleicht nostalgischstem Duo Rapdeutschlands: Den Stieber Twins. Lange bevor in Berlin, Hamburg oder Frankfurt jemand Reime schrieb veröffentlichten die beiden Heidelberger Brüder bereits über Mzee-Records ihre ersten Platten – passend zur Zeit natürlich vorrangig auf Vinyl. Wir sprachen mit Martin Stieber aka. Martin Jekyll, in seinem HipHop- und Graffiti-Store in Heidelberg, über die Anfänge von den „Stieber Twins“, den Klassiker „Fenster zum Hof“ und wie er Rap heute gegenüber steht. Außerdem erfahren wir welche Künstler die Musik von den Stiebers beeinflusst haben und vieles mehr – der perfekte Einstieg in die Nostalgie-Woche.

Zur Diskussion im Forum










Du bist seit 1983 aktiv ...

Was heißt aktiv? Seit ’83 interessiere ich mich für die Hip Hop Sache und bin darauf aufmerksam geworden. Da war ich erst 11 Jahre alt ... Und irgendwie war das für mich nach Malcolm McLaren, Buffalo Gals klar. Oder bei Ronnys Popshow, als sich da jemand zum ersten Mal auf dem Kopf gedreht hat, war ich infiziert. Richtig aktiv bin ich erst seit '89, '90 ...

Ihr sprayt, produziert, rappt, tanzt und seit an den Plattentellern begabt - echte HipHop-Multitalente also. Was macht den Reiz jedes einzelnen Parts von HipHop aus? Was flasht euch speziell am Breakdance, was am Graffiti, was am rappen und was am DJing?

Was mich daran flasht? Flashen tut mich dran, dass man sich in jeder Sparte, egal was es ist, ich sag immer das is die Dreifaltigkeit, ne? komplett verwirklichen kann. Es ist schwierig alle drei oder vier Elemente oder vielleicht sind’s sogar fünf so auszuleben, dass man alles gut kann, aber wir waren schon immer gute Hip Hop Allrounder, wir haben uns für alles interessiert, Tanzen, Sprayen. Ich finde es gibt keine andere Jugendkultur, in der man sich so verwirklichen kann, oder so mit Akribie, Wettbewerbsgedanke, mit dem man sich so verwirklichen kann wie im Hip Hop. Und das waren für uns halt alle drei Elemente, oder wie gesagt vielleicht sind es auch vier, wenn du das DJing noch dazu zählst, waren für uns alle gleichwertig ... bloß haben wir uns halt in der Musik halt am ehesten ausgelebt weil wir über die Musik über die Grenzen von Heidelberg überregional hinaus bekannt geworden sind und haben das dann halt auch forciert.

Was waren zu dieser Zeit deine musikalischen Einflüsse? Mit was bist du aufgewachsen?

Man wächst ja immer mit der Musik der Eltern auf. Meine Mutter war immer relativ unmusikalisch, die hat irgendwie nie großartig Musik gehört, und wenn dann war das nur so Peter Hoffman, so abgedroschene Neoschlager ... Mein Vater war immer auf Blackmusic, sein ganzes Leben lang. Der ist Jahrgang '39, lebt heute leider nicht mehr, aber hat damals schon immer Musik gehört, die schon in seiner Altersgruppe veraltet war. Swing, Jazz, Big Band Musik…Und damit sind wir eigentlich groß geworden… Wir haben schon immer Louis Armstrong, Count Basie und so was gehört. Und das war ja auch von den Schwarzen geprägt. Ich kann mich noch daran erinnern, bei langen Autofahrten, nach Italien in den Urlaub, hat sich mein Vater immer Tapes, damals gab’s noch keine CDs, aufgenommen. Oder eher: Die hab ICH immer für ihn aufnehmen müssen, er wusste nicht, wie das vom Plattenspieler auf Kassette geht, und die haben wir dann halt von morgens bis abends gehört, auf der Autobahnfahrt zumindest ... da war ich aber erst 10 oder 11 so richtig mitbekommen, was da passiert habe ich in den 80ern, 90ern, neue Deutsche Welle, nicht die von Fler, die echte (lacht). Wir sind Jahrgang '72, da waren wir also 10 oder 11, und da nimmt man das erste Mal aktiv an der Musik teil, da läuft nix ohne was mitzusummen.

Gibt es irgendeinen speziellen Künstler, der deine Musik besonders geprägt hat?

Ein spezieller Künstler? Also EINEN speziell würde ich nicht sagen. Es war halt so, dass unsere Vorbilder, klar, immer in Amerika waren. Ich bin so ein anglophilier Mensch, bin auch so wie alle hier in Deutschland ein Kind von Amerika. Nicht von Russland oder so sondern mit amerikanischen Ursprüngen. Die haben hier ja auch das amerikanische Headquarter, es gab also immer viele Amerikaner auf der Neckarwiese, die da damals auch ihre Musik kundgetan haben. Auf die Art und Weise haben wir das halt auch mitbekommen. Für uns war dann eigentlich immer klar, dass es nur amerikanischen Rap für uns gibt. Das war so Anfang der 80er, als es angefangen hat, bis heute. Da gibt’s eigentlich jetzt explizit keinen, den ich da herausheben will. Es gibt halt, klar, Grandmaster Flash and the Furious Five, mit denen es halt angefangen hat, heute hört’s auf mit Erykah Badu und den Roots, Jay Electronica jetzt ganz aktuell. Es gibt halt viele, viele, viele amerikanische Künstler, die viel gehaltvoller sind als die meisten deutschen. Die Amerikaner haben halt immer was gemacht was afroamerikanisch war, hier war es immer assimiliert, adoptiert, ich sag mal "second hand". In Deutschland ist wenig Musik passiert, die einen Pioniergedanken hatte. Ich mein, deutscher Rap - wir haben auch nichts erfunden, wir haben das Amerikanische quasi 1zu1 umgesetzt. Wir haben das Englische gehört, verstanden und versucht, in Deutschland in unseren Verhältnissen und in unseren Worten auszudrücken. Also neu war das in dem Sinne auch nicht. Es gab, wie gesagt, kein absolutes Vorbild. Klar, im Produzentenbereich sind Leute, die ich supergeil finde. Ob das jetzt Jay Dee war, dessen Musik ich schon immer gut gefunden habe, obwohl ich gar nicht wusste, wer dahinter steckt, oder ob das das Pete Rock ist, oder - Keine Ahnung, da gibt's Millionen. Wenn ich da anfange aufzuzählen, wird der CPU vom Diktiergerät nicht mehr mitmachen, es ist so eine weitgefächerte Riesenbreite.

1 2 3 4 5 6Vor