Musikvideos
»Video killed the Radio Star«
Julia vom 17.01.2010

Man hat die Szene der letztjährigen MTV Video Music Awards noch vor seinem geistigen Auge: Während die Sängerin Taylor Swift ihre Dankesrede für das „Beste Video einer Künstlerin“ hält, stürmt Kanye West auf die Bühne, nimmt ihr das Mikrofon aus der Hand und unterbricht sie mit den Worten: „Yo Taylor, I'm really happy for you, I'll let you finish, but Beyoncé had one of the best videos of all time!“ In diesem Zusammenhang erinnert sich der eine oder andere vielleicht auch noch an einen ähnlichen Vorfall bei den MTV Europe Music Awards 2006, wo sich Herr West unmittelbar, nachdem die Gruppe Justice den Preis für das beste Video erhielt, auf der Bühne lautstark darüber beschwerte, dass er mit seinem „Touch The Sky“-Video hätte gewinnen müssen. Nun kann man natürlich sagen, dass Kanye West schon immer ein Egoproblem hatte und seine Auftritte daher nicht besonders verwunderlich oder hervorhebenswert sind, allerdings zeigen sie schon, dass Musikvideos für die Musikindustrie einen hohen Stellenwert einnehmen. Immerhin werden schon seit 1984 jährlich die Video Music Awards von dem Musiksender MTV und zwei Grammy Awards für die besten Musikvideos verliehen. Was ist also dran an diesen Musikvideos? Diese Frage soll im Folgenden erläutert werden.



Ungefähr drei Jahre, bevor das erste Mal ein MTV Video Music Award verliehen wurde, nämlich am 1. August 1981, ging der Musiksender MTV mit dem Video „Video Killed the Radio Star“ on air. Fast drei Dekaden später sind Musikvideos gar nicht mehr wegzudenken, es ist selbstverständlich, dass zu einer Single auch ein Video gedreht werden muss, damit sie Beachtung findet. Von kommerziell erfolgreicheren und bekannteren Künstlern sind diese Videos dann im Fernsehen zu finden, wenn auf den vermeintlichen Musiksendern MTViva nicht gerade eine Dating- oder Lifestyle-Show gezeigt wird. Die Tatsache, dass immer weniger Musikvideos auf MTViva und Co zu finden sind, lässt sich damit begründen, dass sich Airplay von Musikvideos zwar für die Labels als lohnend erweist, es für die Musiksender, die die Videos von den Plattenfirmen zunächst kostenlos, dann aber mit Forderungen nach Lizenzgebühren zur Verfügung gestellt bekommen haben, rentabler ist, wenn sie Werbespots für Handyklingeltöne und besagte Datingshows zeigen, da die Fernsehsender dadurch auch Geld einnehmen. Wenn die Plattenlabels für die Ausstrahlung der Musikvideos zahlen müssten, so würden sie Verlustgeschäfte machen.

Zur Freude der Konsumenten gibt es heutzutage immer mehr Videoportale im Internet, auf denen eine riesige Auswahl an Musikvideos verfügbar ist. Millionen von Menschen greifen täglich auf dieses Angebot zurück, sodass beispielsweise das Musikvideo zu Lady Gagas „Just Dance“ auf YouTube innerhalb von sieben Monaten fast unglaubliche 100 Millionen Aufrufe bekommen hat. Täglich findet man im Internet neue Musikvideos, teilweise von Interpreten, von denen man vorher noch nie gehört hat, teilweise stark erwartete Videos, zu denen es im Vorfeld sogar manchmal kurze Trailer gibt, was in Anbetracht dessen, dass ein Musikvideo selbst nur ungefähr drei bis fünf Minuten lang ist, schon ins Absurde geht. Allerdings ist das sehr zweckdienlich.

Wo wir bei einer der zentralen Fragen wären. Was ist eigentlich der Zweck eines Musikvideos? Für den Konsumenten sind es kurzweilige Filmchen zu ihren Lieblingsliedern, die schön anzusehen sind und sie unterhalten, zum Nachdenken anregen oder inspirieren können. Ein Stück Kunst, in dem sich der Interpret präsentiert und dem Zuschauer seine Botschaft vermittelt. Für die Künstler und deren Plattenlabels sind richtig in Szene gesetzte Musikvideos ein perfektes Marketingtool, das die Verkaufszahlen der Single und des Albums des betreffenden Künstlers ankurbeln soll. Dies zeigt sich auch daran, dass sie in der Regel nicht käuflich zu erwerben, sondern meistens nur im Internet und Fernsehen zu finden sind. Für den Zweck der Vermarktung werden teilweise Millionen in diese kurzen Werbefilmchen gesteckt. Die Videos machen auf das neue Material des Künstlers aufmerksam oder können der Öffentlichkeit einen Newcomer näherbringen. Deswegen ist es auch sehr beliebt, möglichst viele „Stars“ in seinem Video auftreten zu lassen, um noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Außerdem dienen Musikvideos zur Selbstdarstellung. Man sieht, welche Person sich hinter den Songs verbirgt, man sieht die Person, wie sie auch in den Medien dargestellt wird – oder völlig anders. Sprich: Videos sind eine gute Möglichkeit, die Darstellung eines „Stars“ in den Medien zu beeinflussen. Ein Beispiel: Rihanna. Mit jedem Video wird das „Good girl gone bad“ düsterer und verruchter. Natürlich ist es reiner Zufall dass sie parallel dazu in den Medien nicht mehr als süßes Mädchen am weißen Strand, sondern als Sexsymbol beschrieben wird. So ist ein Musikvideo die perfekte PR und dient zum Ausbau des Images.
Ein weiterer Aspekt ist, dass man durch Musikvideos optimal seine Meinung kundtun kann. Bestes Beispiel ist hier wohl Slim Shady, der die Videos zu Tracks wie „We made you“ und „Just lose it“ zu schauspielerischen Disses werden ließ. Oder auch Masta Ace und Edo G. haben mit dem Video für ihre Single „Little Young“ zu einem Rundumschlag gegen die gesamte Szene ausgeholt. Und auch politische und soziale Botschaften lassen sich prima unterstreichen: Pinks Video zu „Dear Mister President“ wäre nicht halb so authentisch ohne die passenden Leidensszenen, damit das Auge auch versteht.

Nun wollen wir den Bogen zum Hip Hop schlagen. Im Allgemeinen herrscht ja das Klischee, in jedes Rapvideo gehörten mindestens zwei leicht bekleidete junge Damen, die sich am durchtrainierten Körper des Rappers räkeln und dabei schon fast wie die weibliche Hauptrolle eines Softpornos wirken. Außerdem bräuchte man noch einige dicke Wägen, massenhaft Schampus und coole Klamotten vor einer passenden Kulisse – schon sei das perfekte Rapvideo fertig. Leider gibt es viele Musikclips, die genau nach diesem Prinzip aufgebaut sind. Trotzdem gibt es auch einige Videos, die man zurecht als Kunst bezeichnen darf, was zwei wohl gewählte Beispiele zeigen sollen.

Zunächst möchte ich aber noch auf unterschiedliche Arten von Musikvideos eingehen. Dem Regisseur sind beim Drehen eines Musikvideos im Grunde keine Grenzen in der Kreativität gesetzt (solange das Budget ausreicht), deswegen sind Musikvideos schwer zu klassifizieren. Trotzdem kann man grob zwischen zwei Kategorien unterscheiden: Die narrativen Clips und die Performance-Clips. In beiden Gattungen von Videos tritt der Interpret bzw. treten die Interpreten meistens in irgendeiner Weise in Erscheinung.
Bei erstgenannter Art von Musikvideo wird, wie die Bezeichnung schon verrät, eine kurze, zu dem Song passende Geschichte erzählt. Dies kann auf sehr viele verschiedene Weisen geschehen. So kann der Künstler hier als Hauptfigur der Geschichte auftreten, genauso ist es aber möglich, dass die Geschichte beispielsweise in Cartoonform gezeigt wird. Es muss auch keine lineare Story sein, genauso können mehrere Handlungsstränge auftreten. In Performance-Clips steht der einzelne Künstler oder die Gruppe im Vordergrund. Hier hat das Video keine richtige Handlung, sondern beschränkt sich darauf, den Interpreten in einer mehr oder weniger kunstvollen Weise zu präsentieren. Oft finden hier auch Live-Mitschnitte von Konzerten Verwendung.

Nun zurück zu den Beispielen. Ich möchte ein Beispiel für einen narrativen Clip und ein Beispiel für einen Performance-Clip geben.
Das Video zu „This Way“ von den Dilated Peoples featuring Kanye West und John Legend ist ein Video, in dem die Lyrics zu Bildern verarbeitet und um einige konkrete Beispiele erweitert werden. In dem Song geht es um verschiedene Probleme und darum, dass man sein Leben auf diese Art nicht weiterleben kann. Das Video befasst sich mit diesen, stellt sie durch visuelle Effekte dar und fügt einige weitere Probleme hinzu.




Mos Defs „Supermagic“-Video ist ein Performance-Clip, denn in dem Video ist keine Handlung zu erkennen. Man sieht Mos Def, der seinen Song vor der Kamera performt. Bei genauerem Hinschauen fällt aber auf, dass außerdem noch zwischendurch für Bruchteile einer Sekunde ein wenig gruselige Bilder, wie Skelette und ähnliches, gezeigt werden.



Um noch einmal auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: An Musikvideos ist eine ganze Menge dran! Nicht nur horrende Produktionskosten, sondern manchmal auch ein hoher künstlerischer Gehalt und Unterhaltungswert. Die Musikindustrie nutzt sie gezielt als Promotion-Werkzeug, um höhere Verkaufszahlen zu erzielen. Uns als Konsumenten ist damit oft eine große Bereicherung gegeben und so ist es vielleicht auch ein bisschen verständlich, wenn ein Kanye West sich darüber aufregt, wenn die Künstler, die es aus seiner Sicht verdient hätten, nicht mit einem Award gewürdigt werden.


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